Integration ist
ein politisches Zauberwort geworden. Integriert ist, wer an den gesellschaftlichen
Prozessen mehr oder minder teilhat und sich eingefügt hat in die
soziale Struktur. Man kann sich integrieren - wenn man die Chance erhält
- und
integriert werden, wenn Andere dies wollen und man mitmacht. Dass sich
Menschen nicht aus eigener Kraft, sondern nur kooperativ integrieren
können,
wird übersehen oder nicht angesprochen. So kann man Einzelne verantwortlich
machen für ein Scheitern, ohne dass die Rolle der gesellschaftlichen
Umgebung auf den Prüfstand muss.
Integration
ist, was offenbar alle wollen oder wollen sollen, dann wird alles gut.
Aber ist das ein gutes Wort?
Das latein. integrare bedeutet ‚wiederherstellen, ergänzen‘,
latein. integer heißt ‚unberührt, unversehrt, unbefangen‘,
integralis (spätlat.) bedeutet ‚unversehrt, nicht geteilt‘ (n.
Pfeifer). Integrität ist um 1800 ‚Makellosigkeit‘,
Vollständigkeit‘. Eine zerbrochene Vase wird repariert, die Scherben
werden geklebt. Aber sie ist nie, wie sie war. Die Spuren des Einfügens
bleiben sichtbar. Oder:
Vorher getrennte Komponenten (z.B. Schaltkreise) werden zu einer Einheit, Schaltung,
zusammengefasst. Der Reiz liegt in der Organismusvorstellung: der Organismus
wird verganzheitlicht, die Einzelkomponenten wirken mit und sichern den Bestand
des Ganzen.
Im 19. Jahrhundert, in der deutschen Romantik, wurden Gesellschaft wie
Sprachen als Organismen gedacht. Organismen leben, sterben, können krank sein -
aber auch angegriffen werden (in biologistisch-chemischer Redeweise der Nazis: zersetzt
werden). Dabei wird gerade nicht gesehen, dass gesellschaftliche
Gefüge
sich aus der Differenz, der Unterschiedlichkeit der Herkünfte, Fähigkeiten,
Ziele, Interessen konstituieren und daraus auch ihre Dynamik beziehen, die sie
sich fortentwickeln lässt. Sprachen leben durch Aufnahmen aus anderen Sprachen, übernehmen
fehlende Ausdrücke oder bilden sie nach.
Des-Integration, Verlust der Integration gibt es als pathologische
Persönlichkeit, die hysterisch oder schizophren ist.
Aber es existieren auch Vorstellungen, dass der Organismus, die Persönlichkeit
Teile enthalten, die fortlaufender Koordination bedürfen, die wechselseitig
anhängig sind, so dass 'das Ganze als Integrat' erscheint (in der Psychologie:
Philipp Lersch).
Mathematisch sei Bernoulli genannt: ‚Grenzwert einer Summe‘ (Integralrechnung):
Das Integral ist eine 'lineare Abbildung, die einer Funktion auf einem gegebenen
Integrationsbereich einen Zahlwert zuordnet'.
In der Volkswirtschaft bedeutet Integration den 'wirtschaftlichen Zusammenschluss
mehrerer Länder durch Abbau zwischenstaatlicher Beschränkungen im
Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr'.
Medizinisch: Das ZNS schafft durch die Integration verschiedene Informationen,
die auf unterschiedlichen Nervenbahnen aus der Wahrnehmung eingehen,
ein inneres Bild der Welt. Die vorhandenen Bahnen mit den durch Beanspruchung
im Lernen neu geschaffenen (Neuro-Plastizität) schaffen Wissen und Gedächtnis.
Integration aller sensorischen Wege ist hier die Bedingung für ein inneres
Bild, alles wirkt zusammen, sonst entsteht nichts.
Hier ist Integration positiv gesehen.
Integration ist im Recht verankert worden durch das Zuwanderungsgesetz.
Hier wird erstmals die Integration von Ausländern (§§ 4345 Aufenthaltsgesetz)
geregelt. Der Staat verpflichtet sich zur Förderung der Integration, muss
also etwa Integrationskurse, Integrationsprogramme (§ 45) anbieten.
Ein alternatives Konzept bietet der Ausdruck Inklusion.
Soziale Integration erscheint als ein
Prozess, in dem sich etwas in ein übergeordnetes Ganzes einfügt ((ganz/völlig) integriert sein),
das in seiner Funktion nicht leidet. Dabei bleibt das Andere, Integrierte
weiter sichtbar. Grenzen zur Mitwelt können bestehen
bleiben. Das mag positiv oder negativ sein, je nach gesellschaftlichem Image,
das die Gruppe hat. Der
Anteil Anderer daran - ihre Akzeptanz,
Toleranz, ihr Unterstützung -
wird weniger deutlich. Der Staat als Vertreter aller kann die Integration fördern,
aber geleistet werden muss sie von allen Bürgern. Und entscheidend ist,
wie die integrierte Gruppe sozial wahrgenommen und praktisch einbezogen wird.
Literatur:
H.H. Uslucan (29011) Dabei und doch nicht mittendrin. Die
Integration türkischstämmiger Zuwanderer. Berlin: Wagenbach
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Studie des Berlin-Instituts
für Bevölkerungund Entwicklung 1/2009:"Zugewanderte
sind im Durchschnitt schlechter gebildet, häufiger arbeitslos und
nehmen weniger am öffentlichen Leben teil als die Einheimischen."
"Am besten integriert sind – kaum verwunderlich – die Personen
aus den Weiteren Ländern der EU-25 (ohne Südeuropa). Sie gehören
zumeist zu der europaweiten Wanderungselite, die leicht Beschäftigung findet
und sehr gut gebildet ist – sogar besser als der Durchschnitt der einheimischen
Bevölkerung."Die Gruppe mit südeuropäischem Migrationshintergrund,
also häufig ehemalige Gastarbeiter und ihre Nachkommen, weist im Durchschnitt
nach wie vor nur eine niedrige Bildungsqualifikation vor. Einzig die – relativ
wenigen – Spanischstämmigen fallen in dieser Gruppe durch bessere
Bildungswerte auf. "Große bis sehr große Integrationsmängel
bestehen bei den Gruppen mit Migrationshintergrund aus dem ehemaligen Jugoslawien,
Afrika und der Türkei. Sie sind nach fast allen Kriterien weit entfernt
von einer gleichberichtigten Teilhabe am gesellschaftlichen
Leben." (Kurzfassung
der Ergebnisse (pdf))
Besser integriert- mehr Vertrauen? Studie zur
Integration (Mai 2010)
Das besagt das neue Gutachten des unabhängigen Sachverständigenrates
für Integration und Migration (SVR), das am 19.5.10 vorgestellt wurde. Die
Integration sei nicht gescheitert, das Vertrauen zu den Deutsch vergleichsweise
hoch. Befragt wurden 5600 Bürger. Die Interviewer sprachen Russisch und
Türkisch. Mehr
und Statistik...

Quelle:
Süddeutsche Zeitung Online
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