Migration (lateinisch migrare, 'wandern',
migratio 'Wanderung')
bezeichnet den 'dauerhaften Wechsel des Lebensorts' - aus ökonomischen
Gründen, für eine Partnerschaft, um Problemen im eigenen Land
zu entgehen (Verfolgung), die Einwanderer nennt man Migranten. Menschen,
die ihr Land verlassen, weil sie dort (politisch, religiös etc.)
verfolgt werden oder eine Verfolgung fürchten müssen, sind Flüchtlinge.
Migration
kann auch ein Ortswechsel innerhalb eines Landes sein, aber meist wird
das Wort verwendet zur Bezeichnung einer Auswanderung, um in einem anderen
Land zu leben. Solche Wanderung kann erzwungen sein (Flucht vor Unterdrückung,
Verfolgung, Hungersnot, Emigration in ein sicheres Exil), sie kann auch
wirtschaftlich (Arbeit finden, Karriere im Ausland) bedingt sein.
Interessant ist, dass der Audruck im Gebrauch verengt wurde und in der
Diskusssion meist den Zustand nach einer Wanderungsbewegung anspricht.
Die Wanderung selbst ist selten gemeint.
Aus
der Wanderung Einzelner können Wanderungsbewegungen Vieler werden.
Völkerwanderungen
hat es in der Menschheitsgeschichte öfter gegeben, z. B. der Einfall
der wenig zivilisierten germanischen Langobarden in Italien. Heute
veranlasst das wirtschaftliche Gefälle zwischen Regionen der Welt
viele Menschen zur Migration.
Die Zeitspanne von drei Generationen ist nach allem, was wir wissen,
kritisch für die komplette Übernahme der neuen Sprache und
die Ununterscheidbarkeit in der sozialen Wahrnehmung von den in der
Aufnahmegesellschaft länger
verankerten Menschen. Das ist kein Naturgesetz, die Prozesse können
sich auch länger
hinziehen, Einwanderergruppen können stark und erfolgreich auf
einer partiellen Autonomie beharren.
In den USA - einem klassischen "Einwanderungsland" - sind
1950-1995 22.8 Mill. zugewandert, in Deutschland 8.6 Mill., Indien
6 Millionen, Frankreich 4.4 Mill. Der Anteil von Ausländern an
der Bevölkerung Deutschlands
betrug 2006 8,2% (6.751.002 Personen), 9.1% der Beschäftigten
waren Ausländer
(2004).
Inzwischen wird die Sprachregelung "Deutschland ist kein Einwanderungsland"
so nicht mehr politisch verwendet, allenfalls wird ein "klassisches"
eingeschieben. Die Integrationsdiskussion hat seit etwa 2005 an Fahrt
gewonnen.
Immigration bezeichnet die 'Einwanderung in ein Land', Emigration die
'Auswanderung', Remigration die 'Rückwanderung in das Land,
aus dem man ursprünglich gekommen ist.
Man spricht
von Menschen mit Migrationshintergrund,
wenn sie selbst oder ihre Eltern oder Großeltern aus einem anderen
Land, in dem die Familie gelebt hat, eingewandert sind.
Einige Daten aus dem Bundesamt für Statistik (2008)
"Von den Zugewanderten und ihren Nachkommen stellten
Ausländerinnen
und Ausländer mit 7,3 Millionen nur etwas weniger als die Hälfte
(8,9% der Bevölkerung), die Deutschen mit 8,0 Millionen etwas mehr
als die Hälfte (9,7%). 10,4 Millionen Menschen, die sogenannte „Bevölkerung
mit eigener Migrationserfahrung“, sind seit 1950 zugewandert, das
sind gut zwei Drittel aller Personen mit Migrationshintergrund. Unter
ihnen sind die Ausländerinnen und Ausländer mit 5,6 Millionen
gegenüber den Deutschen deutlich in der Mehrheit (54%). In den östlichen
Bundesländern beträgt der Ausländeranteil zwischen 2,1
und 2,6%.
Fast 62% der nach Deutschland Zugewanderten kommen aus Europa. Die neun
wichtigsten Herkunftsländer sind die Türkei (mit 14,2% aller
Zugewan derten), die Russische Föderation (9,4%), Polen (6,9%),
Italien (4,2%), Rumänien sowie Serbien und Montenegro (jeweils 3,0%),
Kroatien (2,6%), Bosnien und Herzegowina (2,3%) sowie Griechenland (2,2%).
Die Ergebnisse zeigen weiter, dass Personen mit Migrationshintergrund
im Unterschied zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund geringer
qualifiziert sind: Fast 10% haben keinen allgemeinen Schulabschluss (Personen
ohne Migrationshintergrund: 1,5%) und 51% keinen beruflichen Abschluss
(gegenüber 27%), wobei in allen Fällen diejenigen nicht berücksichtigt
sind, die sich noch in Ausbildung befinden.
Menschen mit Migrationshintergrund im Alter von 25 bis 65 Jahren sind
seltener erwerbstätig (62% gegenüber 73%) als Personen ohne
Migrationshintergrund und häufiger erwerbslos (13% gegenüber
7,5%) oder stehen dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung
(25% gegenüber 19,5%). Bei den Frauen dieser Altersgruppe sind die
Unter schiede besonders ausgeprägt: Frauen mit Migrationshintergrund
sind nur zu 52%, Frauen ohne Migrationshintergrund aber zu 67% erwerbstätig.
Dagegen ist in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund der Anteil
der nicht erwerbstätigen Frauen, die sich als Hausfrauen vermehrt
der Erziehung der Kinder oder der Pflege von Familien angehörigen
widmen, höher als bei den Frauen ohne Migrationshintergrund (37%
gegenüber 26%).
Erwerbstätige mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig
als Arbeiterinnen und Arbeiter tätig wie Erwerbstätige ohne
Migrationshintergrund (48,5% gegenüber 24%), Angestellte und Beamte
sind unter ihnen entsprechend selten vertreten. Erwerbstätige mit
Migrationshintergrund üben ihre Tätigkeit vor allem im Produzierenden
Gewerbe sowie im Handel und Gastgewerbe aus. Hier sind zusammen 64% aller
Menschen mit Migrationshintergrund tätig, aber nur 50% der Menschen
ohne Migrationshintergrund." (http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2007/05/PD07__183__12521.psml,
31.3.2008)
In der Migration verändern sich die mitgebrachten
Sprachen. So etwa das Deutschlandtürkische im Vergleich zum Türkeitürkischen,
das Deutsche in den USA im Vergleich zum Standard. Meist wird das von
der Ursprungsgesellschaft negativ bewertet – dafür gibt es
aber keinen Grund. Sprachen entwickeln sich stets weiter, zumal in neuen
Umgebungen.
Literaturhinweise:
K. J. Bade et al. (Hg.) (2007) Enzyklopädie der
Migration. Paderborn: Schöningh
M. Bommes/W. Schiffauer (Hg.)(2006)
Migrationsreport 2006. Frankfurt: Campus
K. Brizić (2007) Das geheime Leben der Sprachen. Münster: Waxmann
C. Butterwegge/G. Hentges 2006) Z(uwanderung im Zeichen der Globalisierung.
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I
. Ostwald
(2007) Migrationssoziologie. Stuttgart: UTB
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Migration. Bielefeld: transcript
L. Pries (2007) Die Transnationalisierung
der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften.
Frankfurt: Suhrkamp
Expertendatenbank Migration
2011: (gut)
50 Jahre Migration in Deutschland
Die gegenwärtige Migration in Deutschland - es gab
andere Migrationsbewegungen in der Vergangenheit, z.B. die polnische
Migration ins Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert (bes. ab 1880) - blickt auf
50 (oder wenn man will 56) Jahre Geschichte zurück.
Anfang der 50er Jahre fehlten vor allem in der Landwirtschaft Arbeitskräfte.
1954 stieß der damalige Wirtschaftsminister Erhard entsprechende
Verhandlungen mit Italien an. 1955
gab es zwar noch viele Arbeitslose, aber die Zahl der offenen Stellen
stieg stark an. Am 20. Dezember 1955 wurde in Rom eine Vereinbarung über
die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften unterzeichnet.
Unterschrieben haben der Bundesarbeitsminister Storch, der deutsche
Botschafter von Brentano und der italienische Außenminister
Martino. 1960 folgten weitere Vereinbarungen mit Spanien
und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit
Marokko, 1964 mit Portugal und 1965 mit Tunesien, 1968 mit Jugoslawien.
Im August 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut, die u.a. den Übertritt
von Arbeitskräften in den Westen verhindern sollte. Zwischen 1955
und 2005 sind 33 Millionen eingewandert; zugleich haben aber über
20 Millionen Menschen Deutschland verlassen. 1964 wurde der millionste
"Gastarbeiter" - wie es damals hieß - begrüßt.
Migration
war als vorübergehender Aufenthalt ("Gastarbeiter")
gedacht, Deutschland sollte kein Einwanderungsland - wie
etwa die USA - sein. Das war eine jahrzehntelang gehegte Illusion. Lange
blieben Bemühungen um Integration oder Inklusion mehr oder minder
aus. Etwa seit den 80er Jahren gibt es ausländerfeindliche Tendenzen,
durchaus befördert von Medien und Politik. Besonders nach 1990 kam
es zu erheblichen Gewalttaten.
In den Jahren ab 2000 verstärkten sich die Bemühungen
um Integration und Inklusion - auch im Bildungsbereich - endlich und
trotz mancher Rückschläge (aufgrund populistischer Äußerungen im
Wahlkampf oder von Autoren wie Sarrazin ist
heute vorsichtiger Optimismus möglich.
