Rassismus? Kulturelle Diskriminierung? Medienhype um gestrige Thesen? Latente Verstärkung von Vorurteilen?
Vergleichen Sie die Argumentation von Thilo Sarrazin mit einschlägigen
Texten der letzten 120 Jahre, mit Galtons "Eugenik", mit
Max Webers Überfremdungsängsten angesichts "slawischer" Migranten.
Sarrazins Thesen finden Sie z.B. im ZEIT-Interview. Oder
im Spiegel-Vorabdruck. Tagesschau.de hat
wichtige Gegenargumente zu den gesellschaftspolitischenThesen Sarrazins,
so weit über die überhaupt zu diskutieren ist, zusammengestellt.
Ohne den Medienhype im Blätterwald müsste man über die
kruden Thesen von Sarrazin nicht diskutieren, so aber kommen sie bei
Teilen der Bevölkerung an und können Vorurteile bestätigen
oder verstärken. Ein guter Beitrag zu
Genetik und Intelligenz ist der von Diethard Tautz in der taz vom 17.3.2012. Erinnern wir uns: Schon 2009 hatte Sarrazin in einem Interview mit Lettre
International (3/2009) gesagt: Was steckt hinter dem Medienhype ... wenn doch klar ist, dass
Sarrazin unwissenschaftlich argumentiert? Zur deutschen Diskussion: Lesenswert zu
Sarrazins Daten sind die Ergebnisse der Berliner Politologin Naika
Foroutan, die ein Forschungsprojekt über "Hybride europäisch-muslimische
Identitätsmodelle" leitet. > Lesenswert zur Debatte auch der Kommentar der Soziologin Naika Foroutan in der Berliner Zeitung und Naika Foroutan: Wer ist wir? Wie mich die Sarrazin-Debatte zur Verteidigung der Muslime zwang. Zur
Islamdebatte der Journalist Straub (ZEIT) und Bahners,
Die Panikmacher (FAZ-Auszug) - rezensiert in der FAZ von
Th. Sarrazin. |
Kommentar
Wovon soll die Migrationsdebatte 2010ff., die eine Islamdebatte geworden ist, ablenken?
Von den Versäumnissen aus 30 Jahren Integrationspolitik? Dass seit Jahren mehr (und gut Ausgebildete) abwandern als zuwandern? Dass es in Integrationskursen viel zu wenig Plätze, aber hohe Nachfrage gibt? Dass Diskriminierte nicht nur stumme Opfer sind, sondern manchmal auch zurückschlagen?
Davon, dass für Bildung kein Geld bereit steht und die Unis und Schulen weiter verkommen?
Hartz IV-Problematik? Gruppen mit Schwierigkeiten gegeneinander ausspielen?
Schlechte Umfragen für Parteien?
Afghanistankrieg? Laufzeitverlängerung für AKWs? Raketenabwehr über Europa? ...
Davon, dass niemand klären kann, was "deutsche Kultur" - jenseits regionaler Subkulturen - sein könnte? Allenfalls das Grundgesetz könnte leiten, dann aber gäbe es die gegenwärtige Konfrontation nicht.
Für eine journalistische Ethik
Die Medien bezeichnen sich gern als "vierte Gewalt". Wenn sie
das sein wollen, müssten sie eine Verantwortung der Gesellschaft und
den menschen gegenüber wahrnehmen.
Sie dürften keine Diskussionen anzetteln, um Politikern Gelegenheit
zu geben, Stammtischparolen auszugeben - auf Kosten von Minderheiten. Sie
dürften nicht diskriminieren, schon gar nicht eine Weltreligion. Sie
könnten sich nicht länger auf ministeriale Verlautbarungen oder
gar die Parteizentralen oder Konzern-PR stützen. Sie müssten
sich wieder gut informieren, auch wissenschaftliche Texte können nicht
schaden, richtig recherchieren, statt aus dem Netz abzuschreiben...
Aber: darf der Journalismus das? Gibt es (noch) eine Ethik?
Wo melden sich die zu Wort, die eine solche Ethik vertreten?
Zur Islamdebatte der Journalist Straub undBahners, Die Panikmacher (FAZ-Auszug)
Aktuelle Bücher:
Patrick Bahners (2011) Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem
Islam. Eine Streitschrift. München: Beck
Hilal Sezgin (Hg.)(2011) Manifest der Vielen: Deutschland erfindet sich neu.
Berlin: Blumenbar